Wie man Kinder ansteckt ...

Ein Erfahrungsbericht von "Uhu", Mitglied im 1. Deutschen Ukuelenclub. Der Bericht wurde uns freundlicherweise vom Club zur Verfügung gestellt.

Keine Angst, jetzt kommt nichts Gemeines, im Gegenteil. Ich möchte euch von meiner Arbeit an der Grundschule berichten, davon, wie man Erstklässler für die Musik begeistert und sie mit dem Ukulelenfieber ansteckt. Was "Offener Ganztag" heißt, dürfte den Müttern und Vätern von Grundschulkindern bekannt sein. Für alle anderen: Seit einigen Jahren gibt es an vielen Grundschulen nicht nur in NRW die Möglichkeit für berufstätige Eltern, ihr Kind von ca. 7.30 Uhr bis 16 Uhr außerhalb des normalen Unterrichts betreuen zu lassen. Das Betreuungspaket ist kostenpflichtig, aber erschwinglich. Die Kinder erhalten eine tägliche warme Mahlzeit, Hilfe und Beaufsichtigung bei den Hausaufgaben und je nach Interesse Anregungen zur Freizeitgestaltung. Wer auch am Nachmittag lernen möchte, kann Fachkurse besuchen. Welche angeboten werden, hängt davon ab, mit welchen Vereinen, kulturellen Einrichtungen usw. die Schule zusammenarbeitet und welche Interessen das Lehrerkollegium verfolgt. Musische Angebote halten fast alle Schulen bereit.

In "meiner" Schule können die Kinder am Nachmittag Gitarre lernen und Erstklässler dürfen in einem eigenen Schnupperkurs jede Menge Musik ausprobieren. Zusammen mit mir.
"Süüüüß!!", höre ich seit Monaten jedes Mal, wenn ich bepackt mit Instrumenten auf dem Schulhof erscheine. Nein, die Kinder meinen nicht mich. Sie zeigen auf meine Ukulele. Und sie versuchen jedes Mal, mit mir zu verhandeln, ob ich nicht schon draußen die Hülle öffnen kann.
"Ich will nur mal gucken!"
"Kann ich deine Ukulele tragen?"
"Darf ich dann darauf spielen?"
"Und darf ich sie nachher einpacken? Ich bin auch ganz vorsichtig!"
Klarer Fall von Ukulelenfieber. Aber wann und wie haben sich die Kinder infiziert?

"Quatsch, Mann, das ist ´ne Babygitarre!"

Es muss in meinem letzten Musikkurs für Erstklässler passiert sein. In der Stunde nach den Weihnachtsferien hatte ich das erste Mal meine neue Ukulele dabei, und ehe ich mich versah, wanderte sie von Hand zu Hand und ich musste ungefähr 100 Fragen zu meinem Instrument beantworten.

"Cool, "šne klitzekleine Minigitarre!"
"Quatsch, Mann, das ist ´ne Babygitarre!"
Ich erklärte geduldig, dass die klitzekleine Mini-Babygitarre Ukulele heißt und dass auch Erwachsene, Stefan Raab zum Beispiel, gut darauf spielen können. Gegen Ende der Stunde konnte jedes Kind die Ukulele ungefähr richtig herum halten, ungefähr richtig einen einzelnen Finger aufsetzen und mit einem prächtigen Ein-Finger-Akkord "Bruder Jakob" begleiten. Vom vielen Singen und Erklären war ich heiser, dafür waren die Kinder glücklich und verabschiedeten sich mit einem breiten Grinsen. Infiziert mit Ukulelenfieber.

Bis zum Ende des Musikkurses im Juni hatte ich die Ukulele immer dabei. Ich habe sie zeichnen lassen, sie in mein traditionelles Musikquiz eingebaut (Musikinstrument mit U ...), habe sie beim Tag der offenen Tür eingesetzt und mich in jeder Stunde bereitwillig überreden lassen, sie aus der Hand zu geben.
Als mein Kurs im Juni endete und die Sommerferien vor der Tür standen, dachte ich nach. Mit einer Ukulele können die Kinder tatsächlich viel machen: Sie eignet sich, um einfache Rhythmen auszuprobieren, um zwei, drei Akkorde zu lernen und sich selbst beim Singen zu begleiten, sie hat die perfekte Größe für ungeübte Kinderfinger, mit ihr kann man Noten nachspielen, Einzeltöne und Melodien erlernen und im Vergleich zum Akkordeon, zur Harfe und zum Kontrabass hat sie einfach eine handliche Größe. Ach ja, preiswert ist eine Anfänger-Ukulele auch. Das Ergebnis meines Nachdenkens: Gleich in der ersten Woche des neuen Schuljahrs schleppte ich zusätzlich zu dem, was ich immer mit mir herumtrage, drei Pappkartons auf den Schulhof.
"Kindersärge?", mutmaßte ein Vater stirnrunzelnd.
"Falsch, eine Überraschung für unsere neuen Erstklässler."
"Sie hat eine Überraschung!!", schrie das erste Kind, steckte das zweite an, bis ein ganzes Rudel dicht hinter mir blieb, jeden meiner Schritte verfolgte und jeden weiteren Gesprächsfetzen belauschte.

Das Konzept: Systematisch Kinder anstecken!

Seit jenem Tag probiere ich ein neues Konzept aus. Im Klartext: Ich stecke systematisch Kinder an. Ich habe in diesen ersten Wochen des Schuljahrs bis zum Beginn der Herbstferien noch keinen festen Musikkurs, sondern lasse zunächst alle Erstklässler, die Interesse haben, nach Belieben eine oder mehrere Stunden ausprobieren. Das hat den Vorteil, dass sie mich kennen lernen können und schnell feststellen, ob es ihnen Spaß macht, in einer Gruppe von sechs bis acht Kindern zu singen, über Musik zu reden und selbst welche zu machen.

Nach ein paar gesungenen Liedern, die jeder aus der Kindergartenzeit kennt, pflege ich je zwei Kinder zu Patenonkel bzw. Patentante für eine der Ukulelen zu ernennen. Ich lasse mir erklären und zeigen, auf welche Weise sich dem Instrument Töne entlocken lassen. Einzelne Töne, viele Töne auf einmal, hoch, tief, Rockmusik - ich beschreibe jetzt nicht näher, was mir an dieser Stelle meist geboten wird und entschuldige mich noch mal für die laute Minute bei allen unfreiwilligen Mithörern! Streng abwechselnd üben wir "Begleiten" mit Einzelsaiten, stellen fest, wie schwierig es ist, einen einzelnen Finger richtig aufzusetzen und dann auch noch auf meine Kommandos zu hören. Ein vorgegebenes Tempo aufgreifen, exakt nach meinem lauten "1 - 2 - 3 - 4" einsetzen und ebenso exakt auf meine Anweisung hin aufhören und leise und gleichzeitig die Saiten abdämpfen, das ist eine tolle Leistung für vier sechsjährige Ukulelenspieler.
Die Kinder, die gerade ohne Ukulele im Stuhlkreis sitzen, singen dazu und dürfen den Rhythmus klatschen oder klopfen.

Bühnenreife Erstklässler und gebannte Zuhörer

Zu meinen Unterrichtsprinzipien zählt es, dass die Tür zum Klassenraum geöffnet bleibt. Wer vorbeikommt, darf in der Tür stehen bleiben und zuhören, Eltern und Großeltern dürfen jederzeit hereinkommen und werden gern als Publikum mit einbezogen. In einer der letzten Stunden haben wir "Dornröschen war ein schönes Kind" gesungen, begleitet von mehr oder weniger passenden Ukulelensaiten, dafür tadellos im Rhythmus und perfekt im Text. Vor jeder neuen Strophe wechselten die vier Instrumente zum Nachbarn und danach wieder zurück. Bühnenreif. Als der letzte Ton verklang, war ich schwer beeindruckt und wollte gerade ein Lob aussprechen, als hinter mir überraschend Applaus einsetzte: Nach und nach hatten sich immer mehr Zuhörer im Flur versammelt. Wie Profis nahmen meine Kinder lässig den Beifall entgegen und verließen kurze Zeit später mit einem breiten Grinsen den Raum. Klarer Fall von Ukulelenfieber!

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an die Zeit nach den Herbstferien. Es wird mir schwer fallen, nicht alle interessierten Kinder in den Musikkurs aufnehmen zu können, der dann einmal wöchentlich für eine feste Gruppe von Erstklässlern weitergeführt wird. Ich möchte ein, zwei neue Akkorde einführen, Martins- und Adventslieder singen lassen und selbstverständlich mit meinen Kindern auftreten. Ich denke, bis dahin werden wir die Finger ungefähr richtig aufsetzen und unsere Lieder werden sich ziemlich toll anhören. Eines aber ist ganz sicher: Wir werden mit unseren Ukulelen eine Menge Spaß haben!

Uhu